Bad Pharma RezensionIst es wirklich wahr,

  • dass klinische Tests zu Medikamenten welche von der Pharma-Industrie bezahlt werden, vier mal höhere Erfolgschancen haben als unabhängig finanzierte?
  • dass die meisten Pharmafirmen per Vertrag die Möglichkeit haben, Daten oder die Veröffentlichung des Ergebnisses zurückzuhalten?
  • dass Studien mit negativem Ausgang damit eine deutlich geringe Chance haben publiziert werden und somit weniger wahrgenommen werden?
  • dass Studien oft vorzeitig abgebrochen werden wenn sie schon positive Ergebnisse zeigen – ohne den Gesamt-Ausgang abzuwarten?
  • dass Studien für bessere Ergebnisse oft das hauptsächlich erwartete Ergebnis ändern, oder nur Daten einer Subgruppe heranziehen, wenn es dort bessere Messwerte gibt?
  • dass Studien immer mehr an Clinical Research Organisations (CRO) outgesourct werden, welche bereits zu 50 Prozent Medikamente in Dritt- und Schwellenländern testen lassen?
  • dass etliche Medikamente am Markt sind, welche in nicht publizierten Studien gleiche oder sogar schlechtere Ergebnisse brachten als Placebos?
  • dass neue Medikamente nicht besser sein müssen als alte sondern nur besser als ein Placebo?
  • dass doppelt so viel Geld für das Marketing der Medikamente ausgegeben wird, wie für deren Entwicklung und Forschung?
  • dass sämtliche Initiativen (US, EU) zur verpflichtenden Anmeldung von klinischen Tests wegen fehlender Konsequenzen oder Transparenz bislang (Stand Ende 2003) fehlgeschlagen sind?
  • dass akademische Journale entgegen ihres ursprünglichen Versprechens immer noch Untersuchungen publizieren die nicht angemeldet wurden?
  • dass die European Medicine Agency (EMA) als zuständiger Regulator ob ein Medikament auf den Markt kommen darf oder nicht, über 3 Jahre hinweg keine Details über Versuchsreihen preisgab, um die „wirtschaftlichen Interessen der Pharmafirmen nicht zu gefährden?“
  • dass Medikamente mit gefährlichen Nebeneffekten nur extrem zögerlich vom Markt genommen werden?
  • dass Doktoren, Wissenschaftler und auch Patientengruppen welche das „richtige“ Medikament aus Sicht der Pharma Industrie bevorzugen großzügig unterstützt werden?

Leider lautet die Antwort auf alle diese Fragen ja, und das Buch belegt in vielen erschütternden Beispielen und Studien den Umfang der Missstände. Und zwar oft nicht nur anhand von Einzelfällen oder Einzelstudien, sondern von vergleichenden Studien, welche systematisch und nachprüfbar alle verfügbaren Studien zusammenfassen. All dies hat ein Arzt über viele Jahre untersucht und in diesem Buch publiziert.

Man hört ja viel über „Machenschaften“ der Pharma-Industrie, begleitet von diversen Ahnungen und Vermutungen, und blinder Hinwendung zu Alternativ-Medizin. Das Buch von Ben Goldacre hat mich als medizinischem Laien, aber in wissenschaftlichen Methoden vorgebildeten Leser wirklich erschüttert. Die Schulmedizin zeigt mit dem Finger auf die „Unwissenschaftlichkeit“ alternativer Heilungs-Systeme – dabei ist sie selbst in ihren wissenschaftlichen Fundamenten zutiefst angefault.

Das erschütternde Resumé: Pharma-Firmen haben im Lauf der letzten Jahrzehnte zwar für mehr Lebenserwartung gesorgt. Allerdings ist im gesamten System viel Luft nach oben.

So werden negative Studien Ergebnisse häufig nicht publiziert oder sogar nachträglich geschönt – indem man in Subgruppen der Daten zoomt, vorzeitig oder zu spät abbricht, oder einfach unerwartete positive Effekte als neuen Hauptzweck der Untersuchung festlegt. „Es scheint so“, meint der Autor an einer Stelle, „als würden manche die Forschung als Spiel betrachten wo es darum geht so viel als möglich aus den Daten herauszuholen, anstatt faire Tests für Behandlungen aufzusetzen“.

Zudem werden Studien mehrheitlich bereits in Entwicklungsländern durchgeführt weil sie dort billiger sind – mit weit geringeren medizinischen und ethischen Standards, und Menschen die grundsätzlich eine ganz andere gesundheitliche Verfassung haben als Menschen der westlichen Hemisphäre.

Die Regulatoren welche die Arzneien zulassen stehen den Pharmafirmen personell und inhaltlich nahe und verschließen alle Daten zu den Zulassungen vor der Öffentlichkeit. Sie verlangen von neuen Medikamenten nicht besser zu sein als alte, sondern nur etwas besser als Placebo. Die Politik ist gegen die starke Pharma-Lobby machtlos, wie sogar ein ehemaliger Gesundheitsminister im Interview offen zugibt.

Aufgrund von wirtschaftlichen und Patent-rechtlichen Erwägungen kommen Medikamente somit vor allem für häufig auftretende Krankheiten heraus, und nur selten wird an gänzlich neuen Wirkstoffen geforscht. Denn diese Neu-Entwicklung ist teuer – ökonomisch macht es mehr Sinn, nach Ablauf eines Patentes lieber eine leicht veränderte Neuauflage eines bestehenden Medikaments auf den Markt zu bringen.

Oft werden Medikamente im Schnell-Verfahren auf den Markt gebracht ohne aber wie versprochen klinische Nachtests zu liefern welche die Wirksamkeit wenigstens im Nachhinein belegen.

Selbst das vom Markt nehmen für Medikamente wenn man schwere Nebenwirkungen entdeckt ist aus organisatorischen Gründen sehr schwierig und erfolgt oft nur schleppend. Die Kommunikation an Ärzte erfolgt in einer Art und Weise dass sie meist übersehen wird.

Als Resultat haben wir zahlreiche wenig wirksame oder manchmal sogar schädliche Medikamente ganz legal am Markt. Die dann von Ärzten empfohlen werden, welche keinen Einblick in die Details der Studien zu diesen Medikamenten haben, und mit Geschenken und Werbung der Pharmaindustrie bombardiert werden. Nicht nur das, oft ist die ganze Aus- und vor allem Weiterbildung der Ärzte von Pharmafirmen finanziert.

Die Forderungen des Autors aufgrund all dieser unglaublichen Missstände klingen so simpel, dass man sich fragt warum sie nicht schon längst Wirklichkeit sind:

  • Anmeldungs- und Veröffentlichungspflicht aller klinischen Tests und Publikation in einer öffentlich zugänglichen Datenbank. Ein diesbezüglicher Antrag liegt in der EU derzeit sogar vor und soll angeblich bis Mitte 2014 von Ministerrat und europäischem Parlament beschlossen werden.
  • Volle Transparenz aller Entscheidungs-Grundlagen für Regulatoren die ein Medikament genehmigen.
  • Nachweispflicht dass neue Medikamente besser sind als bereits am Markt befindliche.
  • Klinische Tests direkt bei Ärzten zum Vergleich der Wirkung von am Markt befindlichen Medikamenten.