Das Erstaunlichste am Prozess des Erwachens ist seine Einfachheit. Jahrhunderte lang haben viele Eingeweihte, Weise, Priester und Mystiker ein großes Geheimnis darum gemacht, und viele Suchende wurden jahrelang mit endlosen religiösen Texten und komplizierten Übungen hingehalten. Viele Religionstraditionen verweisen uns nach wie vor auf ein Leben nach dem Tod.

Die Wahrheit über die Natur des Menschen ist eben so einfach, dass sie von Klugen leicht übersehen wird. Jesus sagte: „Ich preise dich Vater, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.“ (Luk 10,21)

Auf Solnet.at findest Du viele – über Youtube öffentliche – Berichte von Erwachten, die im Nachhinein über ihre langwierige und angestrengte Suche nach der Wahrheit lachen. Adyashanti zum Beispiel sagt: „Ich sah meine kleine Buddha Statue im Meditationsraum und musste lachen. So lange habe ich dich gejagt, und du warst die ganze Zeit über hier.“

Beim Erwachen geht es nicht darum, sich viel Wissen oder spezielle Techniken anzueignen. Erwachen kann nicht verstanden werden. Vielmehr ist es das Erkennen von etwas, das immer schon da war, hinter unseren Gedanken und Emotionen. Es ist die Erkenntnis dessen, dass wir uns selbst bewusst sind, dass wir existieren – einfach zu Sein.

Erwachen ist nichts, das du dir erst aneignen müsstest. Es ist immer schon deine einzige wahre Natur gewesen. Du hast es nur nicht bemerkt, weil du so mit anderen Dingen beschäftigt warst.

Um zu Erwachen ist einfach ein Wechsel der Perspektive nötig; die Verschiebung der Aufmerksamkeit vom Inhalt unseres Denkens und Fühlens hin zu dem, was das Denken und Fühlen umgibt. Dem Hintergrund, auf dem sich alles abspielt.

Die einfachste Methode um ins einfache Sein zurückzukehren ist es, die Aufmerksamkeit auf den Atem zu verlagern. Nimm bewusst wahr wie du ein und ausatmest. Du wirst feststellen, dass du nicht gleichzeitig denken kannst. Entweder du nimmst deinen Atem wahr, oder du bist geistig „mit etwas“ beschäftigt.

Kehre einfach immer wieder zum Atem zurück. Fühle wie die Luft in dich einströmt und dann wieder den Körper verlässt. Wie sich deine Brust hebt und senkt. Schau dir selbst dabei zu, einmal, zweimal, dreimal ..
Kannst du die Geräusche um dich wahrnehmen? Fühlst du wie sich dein Körper von innen anfühlt? Nimmst du wahr wie Gedanken und Gefühle kommen und gehen? Sie ziehen durch dich, wie Wolken über einen hohen Berg. Du bist der Berg. Spürst du den tiefen Frieden und die Stille, der in ihm wohnt?

Alles, was wir wahrnehmen können, kommt und geht. Deine Geburt, deine Eltern, Nahrung, Kleidung, deine Kindheit, ein Teddybär, ein Fahrrad, die Schule, ein Arbeitsplatz, ein Partner, Auto, Kinder, Reisen, Menschen die du liebst, Meinungen die du hast, Dinge die du kaufst. Feinde wandeln sich zu Freunden und zurück. Der Sommer geht und kommt wieder. Ist dir schon einmal aufgefallen dass nichts, aber auch wirklich gar nichts, letztendlich gleich bleibt? Du wirst eines Tages sterben wie die vielen Blätter die du schon von Bäumen hast fallen sehen. Und selbst das stärkste Gebirge wird nach vielen Millionen Jahren zerbröseln. Selbst die Sonne an unserem Himmel wird in ein paar Milliarden Jahren aufhören zu strahlen.

Aber wie ist das mit dir, mit deinem Inneren? Achte noch einmal auf deinen Atem. Hat sich das, was dir eben beim Atmen zugeschaut hat, jemals verändert? Der Hintergrund der Stille der am Grunde deines Seins wohnt, war der jemals anders? Hatte dieses „Etwas“, das man nicht beschreiben kann, überhaupt jemals eine Form?

Achte einmal genau auf deinen Atem. Kannst Du spüren, wie Du ein und ausatmest?

Wenn du dir deines Atem bewusst wirst, dann wirst du dir in Wahrheit deiner Bewusstheit bewusst. Deine Sinne verschmelzen wieder mit deinem formlosen Kern. Du nimmst dich als das wahr, was du bist: Unendlichkeit, das Formlose, das Zeitlose.

Wenn Menschen meditieren, dann tun sie genau das. Sie beobachten den Fluss der Energie rund um sie herum: die Geräusche, das Licht, den Fluss ihres Atems und vielleicht den ihres Blutes. Sie gehen in die Stille dessen, was sie sind.

Sie nehmen voll und ganz Besitz vom jetzigen Moment. Ist dir schon einmal aufgefallen dass Vergangenheit und Zukunft nur in Gedanken existieren? Nur wenn du über Dinge nachdenkst und dir die Bilder und Erinnerungen davon im Jetzt wachrufst, kannst du dir die Vergangenheit bewusst machen. Ebenso die Zukunft: nur wenn wir über sie nachdenken, wird sie real.

Das einzige was immer da ist ist das JETZT. Dieser eine, endlose Moment, in dem sich alles abspielt: jeder Gedanke, jede Emotion, jede Situation unseres Lebens, wie eine Bühne auf der immer gespielt wird.

Dies meinte Jesus als er vom Kommen des Himmelreiches sprach: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist mitten unter euch“. (Lk 17,20-21)

Das Erwachen ist wie das Betreten dieses Himmelreichs. Die feste Umklammerung der Gedanken und Gefühle fällt ab, und was bleibt ist der Friede des Augenblicks. Es ist das Erkennen dessen was wir schon immer innerlich wussten, und was uns immer im Hintergrund begleitet hat. Es ist die Wiederkehr des verlorenen Sohns, das Bewusst werden der wahren Heimat. Es ist das, was wir unser Leben lang gesucht haben. Haben wir dies einmal vollends gekostet, geben wir die Suche danach auf. Wir wissen dass der Friede und unsere wahre Heimat nur einen Augenblick entfernt ist.
Für manche Menschen kommt dieses Erwachen langsam in kleinen Schritten. Manche andere haben es als gewaltigen, dauerhaften Wandel erlebt. Immer aber kommt es überraschend, als ein Geschenk, und es verändert den Menschen dauerhaft – selbst wenn er sich dessen zunächst nicht bewusst ist.

Denn das, was sich im Hintergrund einmal als der Funke des Lebens und das Salz der Erde erkannt hat, wird immer stärker. Wohl kann der Mensch in seine gewohnten Muster der Vermeidung und des Dramas zurückkehren, doch die lebendige Bewusstheit im Hintergrund hat nun die Oberhand bekommen. Sie kehrt immer wieder zurück, egal wie sehr sich das Menschlein verstecken will.

Als Resultat gelingt es unseren rasenden Gedanken und Gefühlen nicht mehr zu hundert Prozent, die Bewusstheit unserer selbst ganz zuzudecken. Etwas in uns bleibt immer wach und aufmerksam und von allen Dramen unberührt. So fällt es uns immer leichter, aus unangenehmen, kreisenden Gedanken und Gefühlen auszusteigen – einfach indem wir bemerken was in uns vorgeht.

Das Anheben dieser Bewusstheit ist das, was jedem Menschen früher oder später passiert. Dies ist unser wahres Ziel. Es führt zu innerem Frieden und einem „Einverstandensein“ mit allem was uns passiert. Das Erwachen schaltet negative Gefühle und Gedanken nicht aus – aber es gibt uns die Möglichkeit, sie zu erkennen und zu bejahen. Noch immer schlagen die Wellen über unserem Kopf zusammen, aber wir werden von ihnen nicht mehr ganz unter Wasser gedrückt. Die Wellen kommen und gehen. Die Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Wir lernen bewusster mit allem umzugehen was geschieht und ja zu sagen. Das ist alles.