Viele Menschen glauben, dass Liebe ein Gefühl ist. Ich will eine andere Sichtweise anbieten. Für mich ist Liebe kein Gefühl, sondern viel mehr.

Wäre Liebe tatsächlich ein Gefühl, dann müssten wir es vermutlich als eine Art Krankheit beschreiben. Denn die Zustände, die rund um Liebe geschildert werden, drücken allesamt schwere Mangelerscheinungen aus: Atemnot, Erröten, Schlaflosigkeit, Knieschlottern, Herzbeschwerden, Schwindel, uvm.

Man schmachtet, wenn der Partner nicht da ist. Gibt ihm die Macht über das eigene Leben und Erleben. In fast allen Liebes-Liedern da draußen kommt das gleiche Schema vor: „Ich brauche dich, ohne dich kann ich nicht sein. Gleichzeitig machst du mich krank, wenn du da bist, und du spielst nur mit mir. Ich bin bereit, viel zu geben – aber nur wenn du mir zuerst etwas gibst.“ Der Rausch der ersten Verliebtheit, wo man noch alles am Partner liebenswert findet, vergeht dann rasch. Und bald wird die Liebe zum Kuhhandel: Gib du zuerst mir, dann gebe ich dir.

Liebe hat aber mit bekommen oder geben kaum etwas zu tun. Das hawaiianische Wort für Liebe, Aloha, bedeutet übersetzt: „Lieben heißt, glücklich sein mit …“. Es ist kein Gefühl, sondern ein Seinszustand, der immer da ist und dann ganz natürlich spürbar wird, wenn wir mit den Dingen zufrieden sind, wie sie sind. Liebe ist umso mehr spürbar, je glücklicher und dankbarer wir mit dem Gegenstand unserer Liebe sind. Glücklichsein kommt aus Liebe, aber Unglücklichsein aus Angst. Angst vor Verlassenheit, Zurückweisung, Demütigung, mangelnder Zuneigung.

Feuchte Handflächen bekommt man von der Angst, und Verletzung kommt vom Zorn über Zurückweisung. Tief zu lieben heißt, glücklich zu sein mit den Dingen, so wie sie gerade sind. Sie nicht ändern zu wollen. Auf eine geheimnisvolle und tiefe Weise mit allem verbunden zu sein.

Liebe – glückliche Verbundenheit – ist unser natürlicher Seinzustand. Erst dann, wenn der Verstand sich einschaltet, und anfängt einzuteilen, zu be- und zu ver-urteilen, erst dann fallen wir aus dieser Einheit. Angst ist die direkte Folge vom Glauben an die Trennung. Liebe nimmt zu, wie das Urteilen abnimmt – sie wird blockiert und verschmutzt durch Angst und Urteilen. Kritiksucht, selbst wenn sie gut gemeint ist, tötet Beziehungen. Nur Glücklichsein mit ihr, echtes Lob und Anerkennung, baut sie auf. Liebe ist die stärkste Kraft in unserem Körper. Sie hängt direkt mit dem Herz-Zentrum zusammen. Wenn dieses Zentrum aktiviert ist, kann sie alle anderen Blockaden auflösen.

Wenn ich von Liebe spreche, meine ich den uns angeborenen, natürlichen Seinszustand des Einverstandenseins. Wenn wir einen Partner finden, den wir emotional und sexuell attraktiv finden, dann öffnen wir uns für diese Liebe. Wir beginnen zu glauben dass Liebe in dieser Beziehung möglich wird. Wir denken an alle möglichen Hollywood Filme, an Küsse, Umarmungen, Sex, den Seelenpartner. Wir lassen unser Licht strahlen.

Und manchmal passiert es, dass der andere dieses Licht in uns wahrnimmt und uns zurückspiegelt. Er oder sie öffnet sich ebenfalls für die Liebe, und so sehen wir unsere eigene Liebe in ihm, oder ihr. Dies ist der Zeitpunkt, wo die Glocken angehen und Hoch-Zeit gefeiert wird: man versinkt im süßen Rausch der emotionalen, geistigen und körperlichen Liebe, öffnet sich dem anderen weit und gibt sich ganz dieser Liebe hin. 

Spätestens aber nach ein paar Wochen holt uns dann die Realität ein: Der Partner zeigt uns auch Aspekte, die uns ganz und gar nicht gefallen – ja die uns brutal auf unsere tiefsten Verletzungen hinweisen. Der Sturz aus der höchsten Liebe in die tiefste Verzweiflung über diesen „Fehler“ ist schwer: Wir machen den anderen und/oder uns selbst verantwortlich für diesen Fall aus der Liebe. „Mit Dir / mir stimmt etwas nicht“. Ich will ja nur lieben, aber Du tust immer dieses … Dingsbumms .. und dann kann ich gar nicht anders als angreifen oder weglaufen.“

Hier hilft uns nur mehr radikale Ehrlichkeit, und das Zurücknehmen der Projektionen: das klare Bewusstsein, dass unser Leben und unsere Gefühle uns selbst gehören. Wir müssen klar sagen, was uns getroffen hat, ohne anzugreifen, am Besten im Stil der Gewaltfreien Kommunikation: „Als du das … gemacht hast, da wurde ich total wütend. Ich wünsche mir aber so sehr, dass wir über alles offen reden können, was zwischen uns passiert. Darf ich dich um eines bitten, das .. nicht zu machen wenn ich mich ärgere?“

Das brennende Herz des Christus ist eine Erfahrung die allen Menschen offen steht.

Wenn der Partner nicht angegriffen oder manipuliert wird, dann nimmt er das Teilen deiner Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche als ein großes Geschenk wahr, und er wird sich durch das Teilen seiner eigenen revanchieren – vielleicht nicht ganz gleich, aber bald. Und schon sind wir im Teilen der ganzen Wahrheit über unser aller intimstes Innenleben. Und diese Wahrheit öffnet wieder alle Kanäle in uns für die Liebe, und schon können wir uns im anderen vorbehaltlos spiegeln.

Die Liebe ist in Wahrheit unser göttlicher Anteil. Das was unveränderlich ist, und immer da. Durch sie sind wir mit allen Lebewesen, und sogar aller Materie verbunden. Dies ist der „Lord of Love“, dem wir huldigen dürfen, das „Christus“ und „Buddha“ Bewusstsein. Es ist eine ganz konkrete Erfahrung, in die jeder tappt, wenn man zB eine Person ganz zu lieben beginnt. Die man aber auch machen kann, wenn man auf das Meer hinaussieht, oder in den Himmel, oder Tieren zusieht. Eigentlich ist jeder Moment gut genug, ganz in Liebe zu sein.

Diese Liebesfähigkeit sollten wir kultivieren, ohne von der Welt etwas zurück zu verlangen. Unsere Partner sind in Wahrheit dazu da, uns all jene schwarzen Flecken aufzuzeigen, wo wir unsere Liebe noch blockieren. Je mehr du jemanden liebst, umso mehr erlaubst du dem anderen tief in dich vorzudringen, und Dinge sichtbar zu machen. Dieser Dienst des Partners löst zwar oft Schmerz aus, geschieht aber letztlich doch aus Liebe.